Schelmenmarktheft 2022

58 genüber dem Spital‘ genannt und schon ein Jahr später wohn- te ein Bertold in der „gazzin de Rode“. Mit dem Aufblühen der Stadt im 13. Jahrhundert und dem Bau des zweiten Stadtmauerrings wurde dann die Gasse, die ursprünglich nur mit (Holz-)Planken geschützt war, umwehrt und im Westen mit dem „Äußeren Röther Tor“ abgeschlossen. Das Stadtviertel südlich davon wird auch heute noch „In der Planke“ genannt. Der „Pfeifenborn“ am Spital und der „Röther Brunnen“ vor dem „Inneren Stadttor“ sorgten für frisches Wasser. Die „Röther Gas- se“ entwickelte sich zum Zentrum für Kost und Logis. Der in der „Röther Gasse“ ansässige Postmeister hatte bis zu 40 Pferde in seiner Ausspanne und für die Personen, die hier rasten wollten, stand alles zur Verfügung. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gab es hier alles, was die Welt feil bieten konnte: Gasthöfe, Metzgereien, Bäckereien; bei F. W. Sonnenmayer, gab es „Drogen, Colonial-, Material- und Farbwaaren“ und Jean Nord, dem späteren Nord & Kühne in der „Berliner Straße“, stellte in der Hausnummer 2 der „Röther Gasse“ Posamentenwaren, Linoleum und moderne Wohnungs- einrichtungen aus eigenen Werkstätten aus; andere boten Klei- dung, Papierwaren und Medizinalweine an. Zurück zur Straßengeschichte: Bis „zu den crucen vor dem rodirtore“ - also dem „Äußeren Röther Tor“ – reichten die Weinberge. Von beiden Röther Toren ist heute außer den Fundamenten in Kellern, unter Asphalt und Pflasterung nichts erhalten. Das Äußere Röther Tor wurde 1821 abgetragen, weil angeblich ein steckengebliebener Heuwagen die Durchfahrt des Kurfürsten von Hessen unliebsam verzögert haben soll. Andere gekrönte Häupter gingen wohlwollender mit der „Röther Gasse“ um: Napoleon schlief ruhig im „Grünen Baum“, heute das Haus der Familie Bindernagel. Kaiser Friedrich III. nahm dort auch Quartier. Die „Hoffnung“ in der Nr. 34 war auch „Einkehrstelle des Deutschen Radfahrerbundes“ und ihre Wirtin bot sogar schon damals einen Wurstversand an. Die „Sonne“ warb mit ihrem Haus in der „Röther Gasse“ 26 mit schattigem Garten und den „Specialitäten Apfelwein und Gelnhäuser Wein“. Auch die „Sonne“ nahm den höchsten Adel auf: So nächtigten hier Friedrich Wilhelm III. von Preussen und Zar Alexander von Russland. Der letzte russische Zar, Nikolaus II, schlief auf dem Wege nach Darmstadt, wo er seine Braut abholte, zweimal in der „Sonne“. Leider haben die verheißungsvollen Namen der Gelnhäuser Gasthöfe, den Gästen weder Hoffnung noch Sonne gebracht: der eine wurde verbannt, der andere hinge- richtet, und der dritte regierte nur 99 Tage. Modell des Röther Tors nach Otto Bernd Bis heute unverändert: die kurvige Form der Röther Gasse mit Ochsenkarren und einem der ersten Automobilen

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