Schelmenmarktheft 2022
62 im Gülteregister des Klosters Selbold dieses Gebiet, aus dem zahlreiche Weinzehnten kamen, „an der Dyreich“ genannt. Alte Gelnhäuser nennen diese Hohle „Dierich“ oder „Dejerich“ und erinnern sich gern daran, dass man früher noch, als der Auto- verkehr so gut wie ganz unbekannt war, vom Blockhaus mit dem Schlitten über die „Dürich“, die „Holzgasse“, den „Ober- markt“, die „Kuhgasse“ und über den Platz bis hinunter zum Schifftor fahren konnte. Oben auf der Anhöhe stand vermutlich in früheren Zeiten als Landmarke eine große Eiche, ähnlich wie es an anderen Wegga- belungen der Fall war. Schon damals gab es wohl wasserarme Jahre, so dass diese Eiche, nach dem sie groß herangewachsen war, die Äste streckte und ihre Blätter verlor und so zu ihrem Namen „Dürre Eiche“ gekommen sein mag. Die „Dürich“ ist eine der wenigen Straßen Gelnhausens, der ein Gedicht gewid- met wurde. Hermann Haase fasste es so in Worte: Einmal jeden Tag im Jahre, meist in frühen Morgenstunden, steig’ ich auf die Dürichshöhe, dass ich in die Lande sehe. Leid und Sorgen lass ich unten. Liegt im Thale noch der Nebel, scheint hier oben schon die Sonne; doch des nahen Waldes Kühle mildert selbst des Sommers Schwüle, macht den Aufenthalt zur Wonne. Unten, in den Berg gebettet, liegt ein Städtchen, hochgepriesen, mit der Kirche ohnegleichen, mit der Burg, der sagenreichen, zwischen grünen Kinzigwiesen. Edles Obst reift in den Gärten, an den Hängen grünen Reben, und ich will es gern verkünden: Fleiß’ger ist kein Volk zu finden, kein’s dass so versteht zu leben. Wie ein großer schöner Garten liegt das Thal zu meinen Füßen, bis zum Taunus kannst Du sehen, während links die Spessarthöhen nachbarlich herübergrüßen. Poetischer kann eine Liebeserklärung an eine Straße nicht sein. Nun ja, poetischer vielleicht nicht, aber aus heutiger Sicht doch ein bisschen ehrlicher, trotz Blockhaus oder doch eher wegen „dem“ Blockhaus. Das „Gellhäuser Lied“ erwähnt die „Dürich“ nämlich auch. In der dritten Strophe heißt es mundartlich transskribiert: Vom Bahnhof bis zuer Dierisch geht´s immer nuer berrschuff, un schtimmt´s bei Dier net rischdisch, laaf zehmoaoa doaoa enuff! Drum Ihr Gellhäuser Leut ... Schee wars als! Ein- und Ausgang der Dürich: oben das Johaniter-Haus in der Holzgasse. Unten: nach dem Aufstieg belohnt ein kühler Apfelwein im Blockhaus
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